Handelsblatt News

Angst vor einer Zergliederung

Die Vertragsverlängerung für Siemens-Chef Joe Kaeser, die frühestens im Sommer möglich ist, gilt derzeit in München eher als Formsache. Die Gewinne des Technologiekonzerns steigen, der Aktienkurs ist nahe am Höchststand. Kaeser kann laut Angaben aus dem Aufsichtsratsumfeld mit breiter Unterstützung rechnen. Und doch wächst vor allem bei den Arbeitnehmervertretern das Unbehagen. Kürzlich hatte das Handelsblatt darüber berichtet, dass Kaeser nach Einschätzung von Insidern und Investoren den Konzern in Richtung einer Holding entwickelt. In einer Information für Vertrauensleute und Betriebsräte nehmen die Arbeitnehmervertreter nun auf diesen Bericht Bezug. "Den Konzern weiter zu zergliedern würde die Marke Siemens und das Unternehmen gefährden", schreibt die Gesamtbetriebsratsvorsitzende Birgit Steinborn, die auch stellvertretende Vorsitzende des Siemens-Aufsichtsrats ist. Der Konzern brauche langfristige Perspektiven und dürfe nicht "den Launen der Kapitalmärkte nachgeben". Gerade weil

weiterlesen

Verspieltes Vertrauen

Für Dieter Zetsche steht außer Frage, dass Daimler ein außergewöhnliches Unternehmen ist - und zwar außergewöhnlich gesetzestreu. Daimler habe im Unternehmen Compliance-Regeln und eine Kultur der Integrität implementiert, die es unwahrscheinlich machen würden, dass es etwas Vergleichbares geben könne, erklärte der Daimler-Chef Anfang 2016 selbstbewusst, als er zum Dieselskandal bei VW befragt wurde. Angesichts des möglichen Imageschadens, wie ihn VW erlitten habe, gebe es zu derart umfassenden Regeln auch keine Alternative, gab Zetsche zu Protokoll. "Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert", sagte der Konzernchef klar und unmissverständlich. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Stuttgart ein förmliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wegen des Verdachts des Betrugs und der strafbaren Werbung. Im Visier haben die Beamten bereits einige namentlich benannte Daimler-Manager. Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung, doch es deutet einiges darauf hin, dass Daimler

weiterlesen

Kann Lutz auch Chef?

Der Start ist für Richard Lutz nicht einfach. Er gilt als Zahlenfuchs, als einer, der sich nach mehr als 20 Jahren in jedem Winkel des Staatskonzerns Bahn auskennt. Das qualifiziert ihn zum Chef des Unternehmens, sagt der Verkehrsminister. Skeptiker halten Lutz dagegen nur für einen Verlegenheitskandidaten. Und sie bezweifeln, dass er auch Chef kann. Immerhin war sich der Aufsichtsrat einig, den Betriebswirten zum neuen Chef des Staatsunternehmens zu machen. Was nach den Erfahrungen mit seinem Vorgänger Rüdiger Grube nicht selbstverständlich war. Der hatte während einer Aufsichtsratssitzung Ende Januar seinen Job hingeschmissen, weil in dem Gremium unerwartet Gesprächsbedarf über seine verabredete Vertragsverlängerung bestand. Der Blick nach vorn könnte natürlich jetzt so aussehen: Verkehrsminister drückt Kandidaten durch, der lediglich dem politischen Frieden zwischen den Koalitionspartnern SPD und Union dient, Aufsichtsrat muss absegnen. Auch die Ansage des Eigentümers der Bahn, dass

weiterlesen

Die sichere Rendite

In der Werkstatt von Andrea Papst* riecht es nach altem Holz und selbst gekochtem Öllack. Feine Pinsel und Pigmente umringen ihren Arbeitsplatz. Bevorzugt arbeitet die 47-Jährige mit Fichte aus den italienischen Alpen und bosnischem Ahorn. Andrea Papst baut und restauriert Geigen. Ein Beruf, der Musikalität ebenso erfordert wie Handwerksgeschick. Vertiefte Kenntnisse der Weltfinanzmärkte gehören nicht zum Anforderungsprofil. Doch in Andrea Papst steckt auch eine Börsenstrategin. Die Freiberuflerin weiß: Für ihre Altersvorsorge wird sie allein auf ihr Erspartes angewiesen sein. Und das muss ordentlich Rendite bringen. Kurz vor Weihnachten hat Papst alle Aktien und Fonds verkauft. Pragmatisch-hanseatisch hat die gebürtige Hamburgerin Chancen und Risiken abgewogen. Ihr Kalkül: Seit dem Start des rasanten Aufschwungs im März 2009 hat sich der Dax verdreifacht. In den USA sieht es ähnlich aus. Noch mehr mahnt die Dauer der jüngsten Hausse zur Vorsicht: Mit acht Jahren zählt sie zu den längsten

weiterlesen

Fremd im eigenen Reich

In der Chronik der Porsches und Piëchs ist der 25. April 2015 der Schicksalstag. An diesem frühlingshaften Samstag treffen sich die Spitzen des Aufsichtsrats von Volkswagen im schmucklosen Konferenzzentrum des Braunschweiger Flughafens. Ziel der hastig einberufenen Runde: die sofortige Ablösung Ferdinand Piëchs als Vorsitzender des Aufsichtsrats. Der Patriarch hat sich mit seiner Attacke auf den damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn in eine unhaltbare Position manövriert. Entschlossen stellen sich sein Cousin Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), Betriebsratschef Bernd Osterloh und Gewerkschaftsboss Berthold Huber gegen den eben noch Unantastbaren. Die geschlossene Front zeigt Wirkung. Nach kurzer Diskussion treten Piëch und seine Frau Ursula aus dem Aufsichtsrat zurück. Aus Sicht der Familie ein beispielloser Vorgang: Ein Clanmitglied drängt ein anderes mit Hilfe von Arbeitnehmern und Politikern aus dem Amt. Tiefer kann ein Riss gar nicht gehen.

weiterlesen

Fieberthermometer für Aktionäre

Eigentlich gelten die Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) als die Elite unter den börsennotierten Unternehmen. Ideal für die Deutschen, die Risiken scheuen und angesichts der Minizinsen nach alternativen Anlagen suchen. Doch weit gefehlt. Was in der Summe richtig ist, da der Dax vergangenes Jahr knapp sieben Prozent zugelegt hat, stimmt im Einzelfall aber nicht. Bei Banken und Versorgern haben Aktionäre vergangenes Jahr erneut Verluste erlitten. Mit den beiden Kreditinstituten Commerzbank und Deutsche Bank sowie den Energiekonzernen Eon und RWE befinden sich gleich vier Unternehmen aus dem Dax wieder unter den 50 größten Kapitalvernichtern an der deutschen Börse, die die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) jährlich ermittelt. "Auch Investitionen in große Gesellschaften mit vermeintlich erprobten Geschäftsmodellen sind nicht zwingend ein sicheres Investment", klagt daher DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. Banken und Versorger Verlierer Vor allem schreckt

weiterlesen

Vorstandsumbau stößt auf Kritik

Der Vorstand der Deutschen Bahn wird wieder einmal umgebaut. Statt vier gibt es demnächst sechs Ressorts. Der neue Vorstandsvorsitzende Richard Lutz werde sein bisheriges Amt als Finanzchef weiterführen, teilte der Konzern gestern nach der Aufsichtsratssitzung mit. Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla ist für die Infrastruktur zuständig, Berthold Huber für den Personenverkehr einschließlich der Auslandstochter Arriva. Ulrich Weber führt den Bereich Personal. Zusätzlich werden vor allem auf Wunsch des Eigentümers Bund die Ressorts "Digitalisierung & Technik" sowie "Güterverkehr & Logistik" eingerichtet. Dafür startet nun die Suche nach geeigneten Kandidaten. Dritter Umbau seit 2015 Der ehemalige Chef Rüdiger Grube hatte bereits im Sommer 2015 und 2016 die Aufgaben neu verteilen müssen, weil fünf Vorstände gingen. Zuletzt hatte der langjährige Infrastrukturchef Volker Kefer auf eine Vertragsverlängerung verzichtet. Grube stand unter Druck, nachdem Investitionsstau, mangelnde Pünktlichkeit

weiterlesen

Vorsicht vor grüngefärbter grauer Realität

Nachhaltig zu sein, ist voll im Trend. Fast jedes Unternehmen hat das Thema mittlerweile für sich entdeckt. Doch Vorsicht: Nachhaltigkeit ist häufig vor allem eines - eine exzellente Möglichkeit fürs Marketing. Mit schönen bunten Bildern färben die Unternehmen die graue Realität gerne mal grün. Anleger befürchten schon lange, dass sich viele Firmen nur als nachhaltig bezeichnen, "weil man das halt macht". Doch nun zeigt eine Studie, dass es tatsächlich Nachholbedarf gibt: So hat die Unternehmensberatung Sherpacon zahlreiche Nachhaltigkeitsberichte von deutschen Konzernen untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass eine große Zahl der Publikationen aussagelos ist. "Viele Berichte muten eher an wie eine Farce", heißt es. Ein Großteil der Berichtenden habe sich über ein schlüssiges Nachhaltigkeitskonzept kaum Gedanken gemacht. Stattdessen dominieren gefällige Bilder. Sherpacon hat beispielsweise Fotos von Kornblumen und Rapsfeldern sowie von schlafenden Tieren und plätschernden Bächen entdeckt.

weiterlesen
Top