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    Bilanzmanipulation: Den Fälschern auf der Spur


    „Das Misstrauen gegenüber einem bilanzfälschenden Unternehmen setzt erst ein, wenn es der gesamten Branche schlecht geht und dieses Unternehmen nach wie vor gute Ergebnisse präsentiert“, erklärt Prof. Dr. Volker H. Peemöller.

    Bilanzbetrug gibt es, seitdem es Bilanzen gibt. Schon immer wurden und werden deshalb erhebliche Anstrengungen unternommen, Bilanzdelikte zu verhindern beziehungsweise aufzudecken. Welche Maßnahmen es gibt und warum der der Fall Gowex so spektakulär ist, erläutert Prof. Dr. Volker H. Peemöller, emeritierter Professor an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

    DB: Wenn eine Bilanz professionell manipuliert wird, sind Fälschungen schlecht oder überhaupt nicht aufzudecken. Was ist der Grund für das Versagen der bilanzanalytischen Indikatoren?

    Peemöller: „Die Bilanzfälscher sind mit der Materie Bilanzen offensichtlich bestens vertraut. Nimmt man unvoreingenommen eine Bilanzanalyse vor, sind die Zahlen in sich stimmig. Auch das vorgegebene Wachstum passt in die bisherige Entwicklung. Man erlebt als Bilanzanalyst insofern keine Überraschungen, da der Jahresabschluss das übliche Bild vermittelt.

    Der Kristallisationspunkt der Unternehmen, die ihre Bilanzen gefälscht haben, waren gute, im Markt bekannte Produkte. Häufig wurden diese Unternehmen von der Politik, der Presse und den Prüfern für ihre innovativen Leistungen ausgezeichnet. Davon zehren diese Unternehmen, wenn sie dann durch Bilanzfälschungen um ihr Überleben kämpfen. Das Misstrauen gegenüber diesen Unternehmen setzt insofern erst ein, wenn es z. B. der gesamten Branche schlecht geht und diese Unternehmen nach wie vor gute Ergebnisse präsentieren.

    Ein weiterer Grund mag sich aus der internationalen Rechnungslegung ergeben. Es wird zwar versucht, die Komplexität durch eine Vielzahl an Notes zu verringern, die allerdings von der Bilanzanalyse häufig nicht mit der erforderlichen Akribie gewürdigt werden.“

    DB: Wie kann man dennoch verwertbare Hinweise der Manipulation erlangen?

    Peemöller: „Ansatzpunkte für Bilanzfälschungen sind zunächst außerhalb der Zahlen des Jahresabschlusses zu suchen. Steht z. B. die WP-Gesellschaft in einem angemessenen Verhältnis zur Größe und Internationalität des Unternehmens? Zweitens ist die Besetzung der Aufsichtsgremien zu analysieren. Hier wäre auf family and friends und einen häufigen Wechsel im Aufsichtsrat zu achten. Drittens sollte das öffentliche Auftreten des Unternehmens hinterfragt werden. Wann wurde beispielsweise die Website das letzte Mal aktualisiert? Viertens wären bei einem entsprechenden Wachstum die Informationen zu den erforderlichen Investitionen unter die Lupe nehmen. Denn diese Investitionen müssten einen Niederschlag in der Realität gefunden haben. Fünftens sind die Kennzahlen, die schlecht zu manipulieren sind, heranziehen. Es ist schwieriger die Zahl der beschäftigten Mitarbeiter zu fälschen als die Umsatzerlöse. Die Kennzahlen Umsatz pro Mitarbeiter und Personalaufwand je Mitarbeiter im Vergleich zu einer Peergroup können Hinweise liefern. Und schließlich sollte man versuchen, an Informationen über die wichtigsten Kunden und Lieferanten zu gelangen. Will man Bilanzmanipulationen aufdecken, geschieht dies nicht durch Zeitvergleiche der Jahresabschlüsse des betreffenden Unternehmens, sondern durch Vergleiche mit einer Peergroup.“

    DB: Worum ging es im Fall Let´s Gowex SA?

    Peemöller: „Der Fall Gowex ist ein ‚klassischer Fall‘ der Bilanzmanipulation. Zu Beginn war Gowex eines der am meisten gefeierten spanischen Start-Ups. Gowex stellte Wi-Fi-Dienste an öffentlichen Plätzen wie Straßen, Bahnhöfen oder Flughäfen zur Verfügung. Der Gründer Jenaro Garcia Martin wurde für sein Wirken vielfach ausgezeichnet. So verlieh ihm Ernst & Young im Jahr 2011 einen Innovationspreis. Mariano Rajoy, Ministerpräsident Spaniens, hatte Martin im März 2014 für das Exportgeschick seiner Firma mit einem Preis geehrt und im Mai 2014 wurde ihm der Preis des Marketingverbands verliehen. Am 20.03.2014 veröffentlichte Gowex den Jahresabschluss 2013 mit der euphorischen Anmerkung, dass Gowex die Umsätze um 60 % gegenüber dem Vorjahr gesteigert hat. Aufgedeckt wurde die Bilanzmanipulation am 01.07.2014 durch den Finanzinvestor Gotham City Research, der auf Leerverkäufe spezialisiert ist. Bis dahin hatte es nur zwei Anmerkungen zu den Abschlüssen von Gowex gegeben. Im Mai 2010 verwies die Avenirfinance in einem Offering Circular für den Börsengang auf die Risiken hin, die sich aus der Konzentration der Kunden und Lieferanten ergeben. Diese Warnung wurde aber nicht weiter verfolgt. The Analyst machte im April 2014 einige kritische Anmerkungen unter dem Titel ‚Valuation in stratosphere. Riding the tailwind of hype in technology/internet‘. Intensiver hätte die Investition in das Sachanlagevermögen verfolgt werden müssen, die 2013 37 Mio. € betrug und die Vorjahreswerte um 200 % übertraf. Dazu heißt es im Geschäftsbericht verklausuliert, dass die Zunahme des Sachanlagevermögens ein Ergebnis der Materialisierung und Entwicklung des strategischen Entwicklungsplans in Beziehung zu den Aktivitäten von Gowex Wireless und den Regelungen für die Infrastruktur ist, exklusiv für die Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die betrieben werden. Diese Formulierung wurde wortgleich in verschiedenen Jahresabschlüssen von Gowex wiederholt und von der WP-Gesellschaft übernommen.“

    DB: Und warum nun ist gerade dieser Fall für die Bilanzanalyse so interessant?

    Peemöller: „Der Fall Gowex ist deshalb für die Bilanzanalyse so interessant, weil es den Bilanzfälschern wie in kaum einem anderen Fall gelingt, nahezu alle Analyseklassen positiv zu gestalten. Die Erfolgslage ist mit einer Rendite von knapp 25 % gut. Der positive Erfolg stammt aus den angenommenen dauerhaften Quellen des Betriebserfolgs, der ebenfalls stark gestiegen ist. Der Cashflow der laufenden Geschäftstätigkeit ist hoch positiv und die Eigenkapitalquote mit nahezu 60 % sehr gut. Der Grund für das Versagen der bilanzanalytischen Indikatoren liegt in den abgestimmten Gegengeschäften mit einer Scheinfirma, die gleichzeitig Hauptkunde und Hauptlieferant war. So gelingt es, abgestimmt die Forderungen aus Lieferung und Leistung und die Verbindlichkeiten aus Lieferung und Leistung zu erhöhen. Damit kann ein Absturz des Net-Working Capitals verhindert werden und der Cashflow der laufenden Geschäftstätigkeit bleibt positiv. Die Ratingnoten gehen zwar von BBB auf BB+ zurück, sind aber weit vom Signal eines Ausfalls entfernt. Als Schlussfolgerung kann aus diesem Fall entnommen werden, dass umfassende Beispiele für Red Flags entwickelt werden, die in die jährliche Bilanzanalyse zu integrieren sind.“

    Herr Professor Peemöller, vielen Dank für das Interview!

    Das Interview stammt aus DER BETRIEB. Mehr zum Thema erfahren Sie im Fachaufsatz „Aufdeckung von Bilanzdelikten – Fallstudie zum Bilanzbetrug am Beispiel Let‘s Gowex SA Spain“ in KOR vom 02.06.2017, Heft 06, Seite 276 – 283 sowie online unter KOR1230531.

    Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro.


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