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Der deutsche Mittelstand – zwischen Digitalisierung und Tradition


„Unseren Untersuchungen zufolge verschläft die Mehrheit der mittelständischen Unternehmen die digitale Transformation nicht“, meint Professor Dr. Friederike Welter.

Mittelständische Unternehmen sind der Erfolgsfaktor unserer Wirtschaft. Über 99 % aller Unternehmen in Deutschland sind Mittelständler, die fast 60 % aller Arbeitsplätze stellen. Doch ist die traditionelle Kontinuität des Mittelstands in Zeiten von Globalisierung und Industrie 4.0 ein Auslaufmodell? Professor Dr. Friederike Welter, Präsidentin des IfM Bonn und Lehrstuhlinhaberin an der Universität Siegen erklärt, worauf es heute und in Zukunft ankommt.

DB: Frau Professor Welter, das IfM Bonn hat gerade sein 60-jähriges Bestehen gefeiert. Welche Herausforderungen mussten die mittelständischen Unternehmen in den vergangenen 60 Jahren bewältigen?

Welter: „In den vergangenen 60 Jahren gab es natürlich eine Vielzahl an Herausforderungen, mit denen sich die mittelständischen Unternehmen beispielsweise aufgrund ihrer Branchenzugehörigkeit oder ihres Unternehmensalters auseinandersetzen mussten. Gleichwohl gibt es auch einige Herausforderungen, die die Mehrheit der Unternehmen insgesamt betrafen: In den 1960er Jahren waren beispielsweise die Mittelständler teilweise großen Wettbewerbsnachteilen ausgesetzt. Anfang der 1970er Jahre löste der starke Ölpreisanstieg in Deutschland eine schwere Rezession aus. In deren Folge stiegen die Unternehmensinsolvenzen. Zudem mussten sich die mittelständischen Unternehmen nun stärker mit dem Exportgedanken auseinandersetzen. Der Aufbau und die Etablierung des Binnenmarktes in den 1980er Jahren brachten nicht nur neuen Wettbewerb mit sich, sondern auch neue Chancen und Vorgaben. Über diese musste sich der Mittelstand erst einmal informieren. Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik mussten in den Neuen Bundesländern wieder Strukturen für selbstständige Unternehmen geschaffen werden. Seit Anfang 2000 müssen sich die mittelständischen Unternehmen stetig mit den neuen technologischen Möglichkeiten im IKT-Bereich auseinandersetzen und gegebenenfalls ihr Geschäftsmodell entsprechend anpassen.“

DB: Und mit welchen Problemen wird der Mittelstand in Zukunft konfrontiert werden?

Welter: „Die Hauptherausforderung liegt nach eigenen Aussagen der Familienunternehmer in der Sicherung der eigenen Wettbewerbssicherung – das hat erst im vergangenen Jahr wieder unsere Befragung für das Zukunftspanel Mittelstand gezeigt. Abhängig vom jeweiligen Unternehmensalter bedeutet dies: In der Gründungsphase stehen die Unternehmen häufig vor der Aufgabe, Innovationen zu generieren, adäquat zu wachsen und Fachkräfte zu gewinnen. Im mittleren Alter müssen sie sich an den erhöhten Wettbewerbsdruck und neuartige Rahmenbedingungen anpassen. Im höheren Alter gilt es die Nachfolge zu regeln und zu sichern.“

DB: Der Mittelstand ist ja nach wie vor geprägt von Tradition und fester regionaler Verankerung. Mit Blick auf das Silicon Valley: Verschläft der deutsche Mittelstand gerade die digitale Transformation?

Welter: „Unseren Untersuchungen zufolge verschläft die Mehrheit der mittelständischen Unternehmen die digitale Transformation nicht. Ich empfinde es auch nicht als nachteilig, wenn sich Unternehmen durch Tradition und feste regionale Verankerung auszeichnen. Im Gegenteil: Gerade das macht doch wesentlich den Erfolg des Mittelstands in Deutschland aus. Schließlich können sowohl die Mitarbeiter, als auch die Kunden und Lieferanten darauf vertrauen, dass die Strategien der Familienunternehmen überwiegend langfristig ausgerichtet sind. Insofern ist es auch nachvollziehbar, wenn die mittelständischen Unternehmen sehr überlegt an das Thema ´Digitale Transformation´ heran gehen. Allerdings sollte die eigene Einschätzung umfassend erfolgen: Bei den kleinen Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe gibt es unseren Beobachtungen zufolge jedoch eine Diskrepanz zwischen der eigenen Wahrnehmung und dem tatsächlich notwendigen Digitalisierungsbedarf. Dies kann mittelfristig zu Wertschöpfungsnachteilen führen – beispielsweise, wenn diese Unternehmen die steigende strategische Bedeutung der digitalen Schnittstellen zu ihren Kunden weiterhin verkennen. Im ungünstigsten Fall übernehmen virtuelle Plattformanbieter dann diesen Wertschöpfungsteil.“

DB: Wie werden unsere Mittelständler diese Herausforderungen der Zukunft am besten meistern?

Welter: „Ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit der Familienunternehmer auch in Zukunft die Herausforderungen gut meistern werden. Voraussetzung ist jedoch, dass sie sich neben dem Tagesgeschäft immer wieder Zeit für eine Analyse der Gesamtunternehmenssituation nehmen. Nur so können sie frühzeitig notwendige Umstrukturierungen und Investitionen planen und initiieren. Gleichwohl ist es natürlich hilfreich, wenn die mittelständischen Unternehmen in Deutschland positive Aspekte des Silicon Valley-Modells aufnehmen – und beispielsweise mit jungen innovativen Unternehmen kooperieren. Von einer solchen Zusammenarbeit profitieren im besten Fall übrigens beide Seiten – nicht nur die etablierten mittelständischen Unternehmen: Häufig handelt es sich ja bei den Start-ups um Unternehmen, die sich noch in einem sehr frühen Stadium ihrer Entwicklung befinden. Viele bieten ihre Produkte und Dienstleistungen auf digitalen Märkten an. Da diese häufig ohne großen Aufwand vervielfältigt werden können, sinken einerseits zwar mit jedem neuen Kunden die Fixkosten. Auf der anderen Seite sind jedoch nur diejenigen Start-ups bzw. Plattformen dauerhaft erfolgreich, die eine möglichst hohe Kundenzahl an sich binden können. Mit Hilfe ihrer Kooperationspartner kommen sie leichter an neues branchenspezifisches Know-how heran. Können sie zudem auf namenhafte Referenzkunden verweisen, erleichtert ihnen dies den Zugang zu finanziellem Kapital. Ebenso ist auch der Zutritt zum Netzwerk des etablierten mittelständischen Unternehmens nicht zu unterschätzen – gerade, wenn die Startups noch im Aufbau ihres eigenen Vertriebssystems sind.“

Vielen Dank für das Interview, Frau Professor Welter!

Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro.


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