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Metatrends: „Der Aufsichtsrat hat die ultimative Verantwortung“


„Der Aufsichtsrat hat die ultimative Verantwortung für diese Themen“, erklären Dr. Matthias Meitner und Prof. Dr. Felix Streitferdt.

Digitalisierung, Klimawandel, politische Entwicklungen – die großen Themen beeinflussen die Unternehmensentwicklung und -bewertung grundlegend. Warum gerade Aufsichtsräte das große Ganze keinesfalls aus dem Blick verlieren sollten, erklären Prof. Dr. Matthias Meitner und Prof. Dr. Felix Streitferdt im Interview.

AR: Wie stark beeinflussen heute Metathemen die Unternehmensentwicklung?

Streitferdt: „Die Metathemen haben einen erheblichen Einfluss auf die Unternehmensentwicklung, da sie sich nicht nur auf die Abläufe im Unternehmen sondern auch auf das gesamte Unternehmensumfeld auswirken. Dadurch wird nicht nur die Frage aufgeworfen, inwiefern das Unternehmen mit seinen bisherigen Strukturen noch wettbewerbsfähig ist, sondern auch, ob beispielsweise Markteintrittsbarrieren entstehen oder verschwinden oder Regulierungsrisiken bestehen. Was passiert, wenn man solche Themen vernachlässigt, kann man ja aktuell sehr gut am Einzelhandel sehen.“

Meitner: „Zudem führen die Metathemen dazu, dass sich für die Unternehmen ganz neue Bedürfnisse ergeben. Wir beobachten ja, dass sich in vielen Branchen die Produktionstechniken ändern. Dabei spielt nicht nur die sehr naheliegende Digitalisierung eine Rolle. Auch der Klimawandel führt dazu, dass sich die Kosten der einzelnen Produktionsverfahren relativ zueinander verschieben. Und wenn dann noch Wettbewerber aufgrund der Verwendung neuer technischer Möglichkeiten effizientere Verwaltungsabläufe haben, wird es für manches Unternehmen ungemütlich.“

AR: Warum sollten gerade Aufsichtsräte die Metathemen im Blick behalten?

Meitner: „Weil es sonst keiner macht! Viele der Metathemen wirken eher langfristig. Von Vorständen, die eher kurzfristige Verträge haben, darf man auch angesichts einer gewissen Trägheit der Kapitalmärkte bezüglich der Metathemen nicht zu viel erwarten. Wenn man das ändern will, dann muss man sich um eine gute Inzentiverung der Vorstände kümmern – aber auch das ist dann Aufgabe des Aufsichtsrats. Es lässt sich drehen und wenden wie man will: Der Aufsichtsrat hat die ultimative Verantwortung für diese Themen.“

Streitferdt: „Und es ist ja auch so, dass häufig die Unternehmensreaktion auf die Wirkungen von Metathemen erstmal Geld kostet. Noch lassen sich ja Autos mit Verbrennungsmotoren gut verkaufen. Warum – so häufig die Überlegung des Vorstands – sollten wir das also jetzt schon ändern und unsere Kurzfristperformance aufs Spiel setzen? Ein Streifzug durch die deutsche Industrie verrät schon heute in vielen Bereichen, dass aktuell zwar alles gut läuft, aber andere Länder doch häufig besser auf die großen Metathemen vorbereitet sind. Da kann letztendlich nur der Aufsichtsrat das Ruder herumreißen.“

AR: Welche Unternehmen bzw. Branchen, die bislang nicht solchen starken Veränderungsprozessen unterworfen waren, treffen Metathemen jetzt besonders?

Meitner: „Das ist sicherlich für die einzelnen Metathemen unterschiedlich. Gerade diejenigen Unternehmen, die noch vor ein paar Jahren zu den Gewinnern der Globalisierung gehört haben, werden von der aktuellen globalpolitischen Lage vor große Herausforderungen gestellt. Die Digitalisierung wiederum ist in vielen Branchen wie Medien und Retail schon sehr stark fortgeschritten. Anderen Branchen steht die große digitale Welle noch bevor: Chemie, Healthcare und Versorger sind gerade mitten im Wandel. Und natürlich die Automobilindustrie, die durch die Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge mit der Digitalisierung in den nächsten Jahren stark konfrontiert werden wird.“

Streitferdt: „Wobei die Kraftfahrzeugindustrie auch durch den Klimawandel sehr starken Verwerfungen unterworfen sein wird, ebenso wie die Versorgungswirtschaft. Und hier werden die großen Interdependenzen sichtbar. Wenn zukünftig E-Mobilität größere Bedeutung gewinnt, führt dies zu ganz neuen Herausforderungen für die Versorgungswirtschaft. Wenn alle abends um sechs nach Hause kommen und ihr Auto zum Aufladen an den Strom anstecken, kann das zu Versorgungsproblemen führen. Gleichzeitig muss aber auch die Versorgungswirtschaft die Klimaauswirkung ihrer Produktionstechnik berücksichtigen.“

Meitner: „Und ganz wichtig dabei: Die Entwicklung geht natürlich immer in beide Richtungen. Wo es Verlierer bzw. Druck auf die Geschäftsmodelle gibt, da gibt es auch Gewinner und große Chancen für andere Unternehmen.“

Wie können Aufsichtsräte abschätzen, welche Auswirkungen die Metathemen auf die Entwicklung ihres Unternehmens haben?

Meitner: „Zunächst mal: Aufsichtsräte müssen heute immer den Unternehmenswert ins Zentrum ihrer Analysen stellen. Nur so lassen sich die wirtschaftlichen Auswirkungen der häufig mittel- bis langfristig wirkenden Metathemen sinnvoll erkennen und analysieren – und die häufig mit Upfront-Kosten verbundenen Unternehmensstrategien richtig einordnen. Wir arbeiten hier häufig mit komplexen Unternehmensmodellen, die es uns erlauben, die Treiber des Erfolgs über die Zeit spezifisch zu modellieren. Diese Modelle müssen für Zwecke des Aufsichtsrats nicht notwendigerweise einen absolut sachgerechten Unternehmenswert anzeigen, aber sie müssen Wertsensitivitäten richtig darstellen können.“

Streitferdt: „Außerdem führt die bereits angesprochene Trägheit der Kapitalmärkte bezüglich der Metathemen dazu, dass man sich nicht zu sehr auf den Marktwert als Zielgröße fokussieren sollte. In Bewertungsmodellen berücksichtigen wir aber immer die Wirkungen von Digitalisierung, Klimawandel usw. Dann kann der Aufsichtsrat seine Analysen zu den Metathemen in das Modell fügen, um Erfolgs- und Wertsensitivitäten zu erkennen. Ganz ehrlich: Dabei zeigt sich auch ab und an, dass ein bestimmtes Thema keine besonderen Effekte auf den Unternehmenserfolg hat. Aber auch das ist ja dann eine Erkenntnis.“

DB: Wie funktioniert die Analyse von Werteffekten im Hinblick auf Einflussfaktoren wie beispielsweise den Klimawandel?

Meitner: „Oh, da gibt es ganz unterschiedliche Wirkungen zu berücksichtigen. Zum einen ergeben sich Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle vieler Unternehmen – neue Wettbewerber, Veränderungen im politischen und regulatorischen Umfeld, verändertes Kaufverhalten einer aufgeklärteren Gesellschaft etc. Das muss in der fundamentalen Analyse berücksichtigt werden.“

Streitferdt: „Zum anderen gibt es aber auch die physischen Konsequenzen. Für den Agrar- und Lebensmittelsektor sind evtl. höhere und volatilere Preise zu erwarten. Der Rohstoff Wasser könnte vielfach zum erfolgskritischen Faktor werden.“

Meitner: „Klimawandel wirkt zudem meist langfristig. Das bedeutet dann auch: Lange Planungsphasen und entsprechende Berücksichtigung bei der Risikobeurteilung.“

Streitferdt: „Ja, gerade bei der Risikobeurteilung gibt es ein paar interessante Ansätze. Es ist beispielsweise kaum möglich, für langfristige Klimarisiken marktgestützte Bewertungen zu finden. In solchen Fällen hilft uns dann manchmal die sogenannte ‚Social Discount Rate‘, die an den Empfindlichkeiten der Gesellschaft für Nachhaltigkeitsthemen ansetzt.“

DB: Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Virtual Reality führen zu kürzeren Lebenszyklen oder sogar Disruption. Wie kann ein Aufsichtsrat solche Aspekte in seine Beurteilung einbeziehen?

Streitferdt: „Unser altes Denken, dass Geschäftsmodelle sich über einen begrenzten, nicht allzu langen Detailplanungszeitraum hin zu einem eingeschwungenen Zustand entwickeln, und von da an einfach stabil anwachsen, ist kritisch zu hinterfragen. Wir müssen versuchen, den ganzen Zyklus eines Unternehmens zu berücksichtigen, der durch solche absehbaren zentralen Veränderungen im Unternehmensumfeld angestoßen wird.“

Meitner: „Analytisch wird die Frage nach dem ‚Moat‘, also dem Burggraben um das Geschäftsmodell für den Aufsichtsrat immer wichtiger. Wir sehen aktuell viele Unternehmen, die mit einer tollen Idee nach vorne preschen und durchaus auch temporär erfolgreich sind, deren Geschäftsmodelle aber auch einfach kopierbar sind und die noch keine nennenswerten Netzwerk- oder Skaleneffekte aufgebaut haben. Hier sitzen dann schon die Follower-Unternehmen in den Startlöchern. Der Fintech-Branche steht wohl eine solche Welle bevor.“

DB: Welchen abschließenden Rat geben sie Aufsichtsräten zum Umgang mit Metathemen in der Beurteilung der Unternehmenssituation?

Meitner: „Der Aufsichtsrat muss sich daran erinnern, dass er die Verantwortung für alle Entwicklungen trägt, die deutlich über die normale Länge von Vorstandsverträgen hinausgehen.“

Streitferdt: „Der Aufsichtsrat sollte auch sicherstellen, dass die Auswirkungen der Metathemen nicht nur erkannt werden, sondern dass auch darauf schnell reagiert werden kann. Nur so lassen sich Risiken aktiv managen und können entstehende Chancen genutzt werden.“

AR: Vielen Dank für das spannende Interview!

 

Das Interview führte Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro.

 

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema lesen sie im Fachaufsatz „Digitalisierung, Klimawandel, Politische Entwicklung – Ansätze zur Berücksichtigung der großen Metathemen in der Unternehmensbewertung“ von Prof. Dr. Matthias Meitner und Prof. Dr. Felix Streitferdt, erschienen in BewertungsPraktiker Nr. 02 vom  27.05.2019, S. 34 ff. s. https://der-betrieb.owlit.de/document.aspx?docid=BWP1304247

Mehr zu den Experten

Prof. Dr. Matthias Meitner, CFA, lehrt an der International School of Management (ISM) und ist Managing Partner des auf Unternehmensbewertungsfragen spezialisierten Beratungsunternehmens VALUESQUE.

Prof. Dr. Felix Streitferdt, lehrt an der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm und ist selbstständiger Berater und Dozent im Unternehmensbewertungsbereich.


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